Auf der Karte sind es nur 75 km. An einem Tag schaffst du das schon — wenn du dir nicht erlaubst, an jedem Stopp länger zu bleiben als geplant, und wenn du am Ende nicht im weichen Strandsand steckenbleibst und dich fragst, ob es hier überhaupt einen ADAC-Service gibt.

1. Budva — Frühstück, bevor's losgeht

Domaći-Frühstück in einem Garten-Restaurant in Rožino, Budva
Rožino, Budva — domaći-Frühstück, bevor man die Stadt verlässt.

Bevor du losfährst: ein ordentliches domaći-Frühstück in Rožino, dem Stadtteil von Budva, wo die Locals sind statt die Touristen. Garten-Restaurant, Cappuccino, frische Eier, kobasice dazu. Du sitzt in der Sonne, draußen das mediterrane Stimmengewirr, und auf einmal ist es 12 Uhr und vor dir steht ein kaltes Budvanian Pivo.

Ehrliche Wahrheit: ab dem ersten Pivo wird die Frage „fahre ich heute noch nach Ada Bojana?" mit jedem Schluck rhetorischer. Wenn die Antwort gegen 13 Uhr immer noch unklar ist, dann bestell einfach noch ein zweites und plane Ada Bojana für morgen ein. Es gibt schlechtere Pläne.

2. Sveti Stefan — kurz halten, weiterfahren

Auf die Insel kommst du eh nicht rauf (Privatresort), aber halt kurz am Aussichtspunkt an. Sveti Stefan war im 15. Jahrhundert eine Festung des Paštrovići-Clans. Die wurden ab 1423 venezianische Untertanen — gegen die Bedingung, die venezianischen Schiffe nicht mehr zu kapern, was sie bis dahin nämlich getan hatten. Die heute berühmteste Luxusinsel des Balkans war also mal ein Pirat-Deal mit Venedig. 1954 hat das sozialistische Jugoslawien daraus ein Luxusresort gemacht, in dem dann Marilyn Monroe, Orson Welles und Elizabeth Taylor abgestiegen sind. Foto, kurz schauen, weiter.

3. Vor Bar — die Forest-Café-Pause

Forest-Café im Pinienwald direkt am Kieselstrand vor Bar
Direkt vor Bar — Pinienwald, Kies, Meer. Fast nichts los.

Naja, strecken-technisch brauchst du diesen Stopp ja eigentlich nicht. Aber kurz vor Bar, direkt am Meer, gibt's halt ein kleines Café im Pinienwald, das ich immer wieder gerne mitnehme. Pinien, Kieselstrand, ein paar Tische zwischen den Bäumen. Guter Kaffee, schöner Blick aufs Wasser, ein bisschen Schatten. Sieben Minuten Pause, dann weiter.

4. Stara Maslina — der Olivenbaum, der seit 2.243 Jahren steht

Stara Maslina — der über 2.000 Jahre alte Olivenbaum bei Mirovica, mit umlaufendem Pfad
Stara Maslina, Mirovica. 2.243 Jahre alt — und ja, sie haben dafür ein Zertifikat ;-)

Ich gebe zu: ich kam mit der typisch deutschen Skepsis an. Zwei Euro Eintritt, um einen Baum zu sehen, der angeblich seit vor Christi Geburt steht? Klar, und gleich dahinter wartet noch das Mausoleum von Atlantis. Aber die Dame am Eingang hat mein leicht verschmitztes Hochziehen der Augenbraue mit einem unbeeindruckten Lächeln pariert und mir das Zertifikat unter die Nase gehalten — inklusive der Methodik, mit der das Alter bestimmt wurde. Detailliert. Geduldig. Und plötzlich war ich der Tourist, der sich bedankte. Touché.

Das offizielle Alter sind 2.243 Jahre — einer der ältesten Olivenbäume Europas. Die Legende erzählt, dass sich zerstrittene Familien unter ihm getroffen und Frieden geschlossen haben sollen. Und dann gibt's noch die zweite Tradition: man muss dreimal um den Baum herumlaufen. Einmal für die Liebe, einmal für die Gesundheit, einmal fürs Glück.

5. Stari Bar — durch die Ruinen, durch die Treppe

Stari Bar — Ruinen der mittelalterlichen Altstadt am Hang des Mount Rumija
Stari Bar liegt fünf Kilometer landeinwärts und ein Stück höher als das eigentliche Bar — und ist nicht mit der Altstadt von Bar zu verwechseln.

Faszinierend, wirklich. Stari Bar liegt etwa fünf Kilometer landeinwärts vom heutigen Bar, am Hang des Mount Rumija. Nicht zu verwechseln mit der Altstadt von Bar — die ist nochmal was Eigenes. Was du hier findest, ist eine ganze mittelalterliche Stadt, durch die du einfach durchspazieren kannst. Direkter geht's kaum.

Schon der Weg zu den Toren ist gut: links und rechts kleine Lokale, ein bisschen mittelalterliches Flair, schöne Stelle für ein erstes Glas. Kleiner Hinweis vorab — manche Häuser hier führen keinen Alkohol. Kein Drama, nur gut zu wissen, bevor du dein Pivo bestellst und ein freundliches Kopfschütteln zurückbekommst.

Drinnen läufst du dann durch echte Ruinen. Was mich am meisten überrascht hat: in einigen Wänden stecken noch die original Tontöpfe drin, in denen die Bewohner früher Lebensmittel aufbewahrt haben. Und das Beste: du kannst hier wirklich alles anfassen. Keine Absperrungen, keine Glasvitrinen — Hand drauflegen, die Wände abklopfen, in jede Ecke schauen. Verleiht der Sache eine ziemlich direkte Note.

Enger, abwärts führender Kaxelweg in einen dunklen Schacht in den Ruinen von Stari Bar
Da geht's runter. Nach drei Metern wird's schnell dunkel.

Und dann gibt's diese engen Abgänge mitten in den Ruinen — keine richtige Treppe, eher halt etwas kaxelig, nichts für die guten Hosen. Kein Schild, das einlädt. Auch keins, das es verbietet. Genau das macht's spannend. Hab ich also gemacht. Nach ungefähr drei Metern wird's schnell dunkel und gruselig — die Sorte dunkel, bei der dein Gehirn anfängt, sich Geräusche einzubilden. Ich kam ziemlich zügig wieder hoch und hab versucht, mir nichts anmerken zu lassen, dass mir kurz der Atem schmal geworden war. Wahrscheinlich nicht ganz überzeugend ;-)

Damit du verstehst, warum heute hier niemand mehr wohnt: die Stadt hat 2.000 Jahre durchgehalten — die Römer nannten sie Antibarium, „die Stadt gegenüber von Bari". 300 Jahre saßen hier die Osmanen. 1878 sprengten montenegrinische Truppen den Bar-Aquädukt, um die Stadt durch Wassermangel zur Aufgabe zu zwingen — hat funktioniert. Hundert Jahre später, im April 1979, hat das große Erdbeben den wieder aufgebauten Aquädukt nochmal zerstört, diesmal endgültig. Ohne Wasser keine Stadt. Die Bewohner zogen ans Meer, die Altstadt blieb leer.

6. Ada Bojana — die Insel, die aus einem Schiffswrack gewachsen ist

Stelzenrestaurants und Boote am Bojana-Fluss auf Ada Bojana
Ada Bojana — du isst über dem Wasser, durch die Holzdielen siehst du den Fluss.

Schönster Mythos zum Schluss: wie Ada Bojana überhaupt entstanden ist. Irgendwann im 19. Jahrhundert soll ein Schiff namens „Merito" zwischen zwei kleinen Sandbänken im Fluss gesunken sein. Der Sand begann sich um das Wrack abzulagern — über die Jahrzehnte ist daraus die heutige dreieckige Insel geworden, mit Stränden, Stelzenrestaurants und der bekannten FKK-Kolonie aus jugoslawischer Zeit. Praktisch: die ganze Insel gibt's nur, weil hier mal ein Schiff auf Grund gegangen ist.

Was man hier macht: ein Stelzenhaus aussuchen, einen Tisch auf den Holzplanken bekommen. Schau zwischen den Dielen durch — der Bojana-Fluss ist nur ungefähr 30 cm unter dir. Auf der Karte ist für jeden Geschmack was dabei: Fisch, Scampi, Tintenfisch. Mit Sicherheit kommt nicht alles aus den kalimera-Hebenetzen am Steg (eine Fischtechnik, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat) — aber es ist trotzdem romantisch und richtig schön, besonders am späten Nachmittag. Wassertaxis tuckern vorbei, am Steg schaukeln Boote, und nebenan klingelt ab und zu jemandes Handy. Das Tempo passt.

+1. Velika Plaža — der Bonus für Übermut

Wenn du am Stelzenrestaurant noch Energie für eine letzte Etappe hast, gibt's einen netten Schluss. Vom Steg geht ein Schotterweg an den Häusern und am Fluss entlang, irgendwann biegst du rechts ab Richtung Norden, dem Meer entgegen. 13 Kilometer Sandstrand, fast keine Touristen — vor allem in der Vor- und Nachsaison.

Wenn an dem Tag wenig los ist und du Allrad unterm Hintern hast, kannst du dich was trauen: direkt auf den Strand fahren. Ich bin dem Weg durch die Dünen Richtung Wasser gefolgt, und in dem Moment, in dem das Meer vor mir auftauchte und unter den Reifen der Sand richtig weich wurde, fingen die Gedanken an. Was, wenn ich jetzt steckenbleibe? Hab ich eine Schaufel dabei? Gibt's hier überhaupt einen ADAC-Service? Wer zieht mich hier raus, wenn nicht?

Spoiler: ich kam durch. Vor mir lag ein leerer Strand — die Aloha Beach Bar war zu (außerhalb der Saison läuft hier nichts), aber das war auch egal. Ein paar mitgebrachte Snacks aus dem Kofferraum, weit verstreut ein paar Kitesurfer am Horizont, sonst nur Wind und Meer. Die Hände am Lenkrad waren wieder trocken. Selten so ein Gefühl von Freiheit gehabt — ein Strand, eine Tüte Sachen aus dem Auto, niemand anderes da. Schöner Abschluss.

Was nach so einem Tag bleibt

Drei Sachen vor allem: ein 2.243 Jahre alter Olivenbaum, der einen mit ruhigem Lächeln an seine Skepsis erinnert. Eine osmanische Geisterstadt, in der ich freiwillig die Treppe runtergegangen bin und das Hochkommen erfreulich fand. Und ein Stelzenrestaurant, das auf einer Insel steht, die es nur gibt, weil hier mal ein Schiff gesunken ist.

Praktisch: in einem Tag schaffst du Budva → Stari Bar → Ada Bojana mit Sonnenuntergang am Stelzenrestaurant gut. Wenn du dir die Velika-Plaža-Schleife noch dranhängst, wird's lang, aber lohnt sich. Wichtig: für die Strandfahrt brauchst du wirklich Allrad. Mit einem normalen Mietwagen — bau bloss keinen Mist! Ich zieh dich nicht raus :-D Für die anderen Schotterstellen (hinter Ada Bojana) reicht ein Wagen mit etwas Bodenfreiheit, und du fährst halt an ein paar Stellen vorsichtiger.

Als nächstes:

Rakija — Das Wasser des Lebens

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